Was bedeutet diese Achtsamkeit eigentlich?

Sind Sie auch schon einmal über das Wort Achtsamkeit gestoplert? Vielleicht sogar schon so häufig, dass sie nur noch müde die Augenbrauen nach oben ziehen?

Das kann ich gut verstehen. Obwohl Achtsamkeit aus dem Zen-Buddhismus stammt, wurde es leider durch viele Esoterik-Bereiche gezogen und dabei unnatürlich aufgebläht. Lassen Sie uns einmal ansehen, weshalb es das Konzept der Achtsamkeit dennoch in die Behandlung psychischer Erkrankungen und die Verhaltenstherapie geschafft hat.

Immer wieder werden wir also daran erinnert, dass wir durch Achtsamkeit wahrhaftig zu leben beginnen würden. Dass wir dadurch ein vollkommen neues Lebensgefühl erlangen sollen. Vielversprechend klingen die Verheisungen. Doch was bedeutet es, achtsam durch die Welt zu gehen? Und welchen Zweck sollte dies erfüllen?


Was bedeutet achtsam sein eigentlich?

Achtsam bin ich immer dann, wenn ich ganz im Augenblick bin, wenn ich spüre, wie mein Atem durch den Körper fließt, wie sich die Muskeln in meinem Körper zusammenziehen oder entspannen, wenn ich in meinen Körper tauche und meinen inneren Raum betrete, wenn ich eine Emotion in mir aufsteigen spüre und sie beobachte, wie sie anschwillt und wieder verebbt, wenn ich meine Gedanken höre und sie an der Oberfläche meines Seins ohne Urteil und ohne Widerstand vorbeiziehen lasse.

Achtsamkeit meint, im HIER und JETZT zu sein, mit einem Einverstandensein mit dem, was sich im Augenblick zeigt, in mir oder im Außen.

Es heißt, sich und die Umwelt zu beobachten, ohne zu beurteilen. Dabei muss ich nicht zwangsläufig gutheißen, was vor sich geht. Ich muss Schmerzen beispielsweise nicht mögen, aber ich kann versuchen, sie anzunehmen, da sie nun einmal da sind.

Schmilzt der Widerstand gegen etwas in mir, schmelzen auch die Spannungen in mir. Dann bin ich wieder etwas mehr mit dem Moment verbunden und ein innerer Friede kehrt ein. Jedenfalls, ein stückchen weit. Dann spüre ich möglicherweise auch, dass ich mehr bin, als meine Gefühle und Gedanken. Vielleicht erkenne ich, dass Gedanken und Gefühle kommen und gehen, ohne dass sich in mir zwangsläufig etwas verändern muss. Dass sie eher wie Wellen auf einem See sind, die sich nach einem Sturm wieder beruhigen. Und dass ich entweder auf Ihnen tanzen kann oder gegen sie anschwimmen.

Selbstverständlich lässt sich diese innere Haltung nicht erzwingen - sie kann sich jedoch mit zunehmender Übung entwickeln.


Was bedeutet das für Sie?

Versuchen Sie, in ihrem Alltag immer wieder innezuhalten und wahrzunehmen, was sich in diesem Moment zeigt. Was geht mir durch den Kopf? Wie fühle ich mich? Was spüre ich im Körper? Wo befinde ich mich? Versuchen Sie dabei, Ihre Wahrnehmungen möglichst nicht zu kommentieren, nicht zu beurteilen. Das klingt einfacher, als es tatsächlich ist.

In unserer Gesellschaft werden wir buchstäblich dazu erzogen, ständig Urteile zu fällen. Seien Sie geduldig mit sich und versuchen Sie, mit einem inneren Lächeln auch das Fällen von Urteilen annehmen, sollten Sie dies feststellen. Sollten Sie bedrohliche Gedanken oder Ängste wahrnehmen, versuche Sie, diese als Produkte Ihres Verstandes zu entlarven, der versucht, Vermutungen über eine Zukunft anzustellen, die jetzt im Moment noch gar nicht eingetreten ist.

60-Sekunden-Übung für den Anfang

Setzen Sie sich einen Moment an einen ruhigen Ort und schließen Sie die Augen. Nehmen Sie wahr, wie Ihr Atem durch die Nase in Ihre Lunges strömt. Ohne, dass Sie dafür etwas tun müssen. Der Atem kommt und geht. Nehmen Sie wahr, wie sich dabei Ihr Brustkorb und vielleicht auch Ihre Bauchdecke sanft hebt und senkt. Nur wahrnehmen, nichts tun. Vielleicht beginnen dabei Gedanken duch Ihren Geist zu kreisen. Nur wahrnehmen, nichts tun. Kehren Sie sanft zu Ihrem Atem zurück. Folgen Sie Ihrem eigenen Rhythmus. Gedanken können auftauchen. Lassen Sie sie aufkommen und wieder weiter ziehen, während Sie Ihre Aufmerksamkeit für einen Moment auf Ihren Atem richten. Ohne etwas zu verändern.

Mit regelmäßiger Übung entfaltet sich die Wirkung

Gewinnen Sie etwas mehr Distanz, indem Sie immer wieder in das HIER und JETZT eintauchen. Sie können jederzeit Ihren Atem als Anker nutzen. Sie haben ihn immer dabei.

Oft stellen wir in einer achtsamen Haltung fest, dass wir im aktuellen Moment in Sicherheit sind und dass es es lediglich unser phantasiebegabter Verstand ist, der bereits wieder die ersten Wolken über dem Horizont herannahen sieht.

Wenn wir wirklich lebendig sind, ist alles, was wir tun oder spüren, ein Wunder. Achtsamkeit zu üben bedeutet, zum Leben im gegenwärtigen Augenblick zurückzukehren.
— Thich Nhat Hahn

Schenken Sie sich immer wieder eine Minute der Ruhe, indem Sie die 60-Sekunden-Übung oder eine andere Übung in Ihren Alltag einbauen. Nach dem Frühstück, wenn die To-do-Liste zu lang erscheint, wenn Sie sich gerade überfordert fühlen oder wenn Sie sich selbst wieder etwas mehr fühlen wollen.

Sie werden feststellen, dass es Ihnen mit der Zeit immer besser gelingen wird, einen kurzen Moment zu sich selbst zurückzukehren und Sie daraus Kraft, Zuversicht und Ruhe schöpfen können.

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Bewegung tut gut!